Berner Zeitung, 2006-04-28, Seite 41
The CouchSurfing Wiki, an informal workspace which anyone can edit.
© Berner Zeitung; 28.04.2006; Seite 41
BZ-Geniessen
Gastgeberdienste
Reisen auf die billige Tour
Das erste Treffen findet online im «Hospitality Club» statt. Bald schon stehen die Gäste vor der Tür.
Was tun, wenn er ein Kotzbrocken ist? Wie reagieren, wenn er sich länger als vereinbart in der Loge breit macht oder sich einfach an allem gütlich tut? Als Peter eintrifft, verfliegen die Zweifel. Er erzählt sympathisch offenherzig von sich: Nach dem Abbruch des Studiums und einer Weltreise wolle er einen neuen Anlauf nehmen. Nun sei er auf der Suche nach der richtigen Universität, erklärt der 27-jährige Deutsche. Er übernachtet zweimal. Tagsüber schaut er sich die Stadt an, holt Infos zur Uni ein. Am einen Abend ist ein Jazzkonzert angesagt, am anderen entwickelt sich eine spannende Diskussion über Gott und die Welt - und den «Hospitality Club».
Der «Hospitality Club» ist ein Treffpunkt für Reisende und Gastgeber. Das Prinzip der Website ist simpel: Wer Reisenden die Stadt zeigen, sie verköstigen oder ihnen Logis gewähren will, notiert dies im Nutzerprofil. Wer vorbeikommen will, meldet sich direkt beim Gastgeber. Verpflichtungen gibt es kaum. Reisende müssen nicht zwingend Gastgeber sein. Und Gastgeber können auch bloss eine Stadtführung oder ein Plauderstündchen im Café anbieten, wenn sie nicht gleich Gäste zu sich nach Hause einladen können oder wollen.
Gründer und Leiter der Reiseplattform ist Veit Kühne. Eine Million Mitglieder soll der Club dereinst zählen, hat er bei der Gründung im Jahr 2000 verkündet. Das sei heute bloss noch ein Zwischenziel, sagt der 25-jährige Deutsche: «In schätzungsweise zwei Jahren sind wir soweit.» Der «Hospitality Club» ist der grösste Gastgeberdienst. Die Anzahl Mitglieder nimmt fast exponentiell zu. 134 632 Leute aus 188 Ländern haben im werbefinanzierten Club ein kostenloses Konto eröffnet, darunter 1858 aus der Schweiz, 269 aus dem Kanton Bern, 57 aus Freiburg, 54 aus Solothurn - meist junge Erwachsene. Der Club sei jedoch offen für alle, betont Veit Kühne: «Ich fände es toll, wenn bis zu Grosseltern alle mitmachten».
Wie wird sich der Club längerfristig entwickeln? Die Funktionen würden erweitert, sagt Kühne, der weitgehend allein über die Website bestimmt. Der «Hospitality Club» werde seinen jetzigen Charakter aber behalten. Der Zutritt werde kostenlos bleiben. Ist aber ein Verkauf denkbar, wie jüngst bei den Gemeinschaften Wikitravel und Route 66? «Ich werde den ‹Hospitality Club› sicher nicht verkaufen», verspricht Kühne. «Ich will nicht reich werden damit. Ich will einen Beitrag zu einer friedlicheren Welt leisten.» Darauf wolle er sich konzentrieren. «Ich will den ‹Hospitality Club› bekannt machen, wo ein Dialog dringend nötig ist.»
Das Glas ist leer. Und Yvonne ist noch immer nicht da. Sie besuche einen Tanzkurs, hat sie vor zwei Wochen geschrieben. Offenbar ist etwas dazwischen gekommen. Sie ist nicht im Restaurant aufgetaucht. Und sie hat sich auch nicht mehr gemeldet. Tant pis, wenigstens ist die Wohnung wieder einmal geputzt ...
Serge Miserez hat in seiner Wohngemeinschaft in Bern bereits 15 «Hospitality»-Reisende empfangen und «immer gute Erfahrungen gemacht», wie der umtriebige Pädagogik-Student sagt. Einige hätten bloss bei ihm übernachtet. Anderen habe er die Stadt gezeigt, sie an eine Party mitgenommen - je nach Person und Plänen. «Ich bin kein Hotel», stellt Serge klar - jeweils auch gleich in der Antwort auf eine Anfrage. Er schreibe Interessenten etwa, dass er viel zu tun und kaum Zeit habe, sie aber in seinem Zimmer übernachten dürften. «Hospitality»-Gäste seien unkompliziert und selbstständig, so Serge. Und sie leisteten oft einen Beitrag. «Fast alle haben einmal gekocht.»
«Ich stelle mein Programm nicht extra um», sagt auch Manuel Uebersax aus Bern. Der 25-jährige Student der Islamwissenschaften ist seit 5 Monaten Mitglied im «Hospitality Club», hat vier Reisende bei sich übernachten lassen oder ihnen die Stadt gezeigt. «Bislang haben die Gäste nie erwartet, dass ich mich nonstopp um sie kümmere. Für Tipps waren sie aber dankbar.»
Angst vor unangenehmen Gästen, Diebstählen, Bedrohungen haben die beiden nicht. «Der ‹Hospitality Club› ist sicher», zerstreut Serge Bedenken - für Reisende wie für Gastgeber: Im Gegensatz zu einer Jugendherberge, wo viele Leute ein und ausgehen, könnten die Reisenden ihr Gepäck in einer Privatwohnung lassen. Und den meisten sei bewusst, dass sie Gäste sind, nicht Kunden. Um Unangenehmes zu vermeiden, gucke er sich zuerst das Profil und die Kommentare an, bevor er Interessenten zusage, sagt Manuel. Hat jemand keine Kommentare, zettle er etwa eine E-Mail-Konversation an.
Maja aus Serbien-Montenegro ist für eine Konferenz nach Bern gereist. Sie logiert in einem noblen Hotel. Trotzdem hat sie jemanden gesucht, um sich Tipps zur Stadt geben zu lassen. Einige Wochen später: Agnese lässt sich über Bern informieren und erzählt im Gegenzug von ihren Reisen per Autostopp quer durch Europa.
Auch Marco Prestipino ist Mitglied beim «Hospitality Club». Er arbeitet zudem als Programmierer mit und untersucht als Wissenschaftler an der Universität Zürich Online-Gemeinschaften. Individualreisende hätten im Vergleich zu Pauschalreisenden ein erhöhtes Bedürfnis nach spezifischen Informationen, erläutert er den Erfolg von Reiseplattformen. Die Anzahl der Individualtouristen nehme zudem zu, wie eine Studie der Uni Lausanne zeige. Der «Hospitality Club» diene den Mitgliedern zu allererst zur Koordination mit anderen Mitgliedern, ausserdem zur Information - sie verfassen gemeinsam einen Reiseführer, erfragen im Forum Detailinfos - und zum Kennenlernen von Leuten mit ähnlichen Reiseplänen. Prestipino hat die Informationsfunktion von Reise-Plattformen untersucht - und ein überraschendes Fazit gezogen: Aktive Online-Gemeinschaften seien nicht schlechter als die etablierte ‹Lonely-Planet›-Redaktion. «Die Reisebuchverlage kriegen ein Problem.» Spürbare ökonomische Auswirkungen auf die Hotellerie erwartet er durch Dienste wie den «Hospitality Club» allerdings nicht. Allenfalls könnten sie aber die Tendenz zum Individualtourismus verstärken, so Prestipino.
Das Handy surrt. Anja unterbricht die Weindegustation, nimmt ab - und sagt ab. Eben von einer Reise zurück in Hannover hat sie zwei Gäste in der neuen WG aufgenommen: Der Schwede logiert im Wohnzimmer, der Schweizer Journalist auf der Galerie. So viele wie während dieser Messe hätten sich noch nie gemeldet, so Anja. Sie nimmts gelassen. Auf ihren Reisen sei sie auch oft freundlich empfangen worden. Mathias Born
«Die Reisebuchverlage kriegen ein Problem.» Marco Prestipino, Wissenschaftler
«Der Club ist mein Beitrag an eine friedlichere Welt.» Veit Kühne, «Hospitality Club»
Weblinks
Wo man Gastgeber trifft
Der oben beschriebene Hospitalityclub.org ist der grösste Gastgeberdienst. Daneben gibt es viele andere. Ganz ähnlich funktioniert Couchsurfing.org. Diese Reisecommunity ist insbesondere in den USA bekannter als das Pendant aus Deutschland. Sie hat einige zusätzliche Community-Features wie ein Fotoalbum, ist grafisch ansprechender, hat ein komplexeres Bewertungssystem. Die Grundfunktionen sind auch hier kostenlos; Zusätzliches kostet aber. Der älteste Gastgeberdienst ist Servas.org: Er wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Projekt zur Friedensförderung gegründet. Wer sich bei Servas anmelden will, wird zu einem Vorstellungsgespräch mit dem lokalen Koordinator eingeladen und kauft dann die Gastgeberliste. Der Altersdurchschnitt ist höher als beim «Hospitality Club» und bei «Couch Surfing» - und damit oft auch der Komfort in den Unterkünften. Weitere Dienste sind Globalfreeloaders.com, Place2stay.net, Stay4free.com oder Travelhoo.com. Daneben existieren diverse spezialisierte Vermittlungsplattformen: etwa für Velofahrer, Agrotouristen, Lehrkräfte oder Homosexuelle. Eine Übersicht gibt Hospitalityguide.net. mbb
