Tages-Anzeiger; 06.08.2007; Seite 39 Zürcher Unterland
The CouchSurfing Wiki, an informal workspace which anyone can edit.
© Tages-Anzeiger; 06.08.2007; Seite 39unt
Bezirk
UNT Zürcher Unterland
Eine international vernetzte Sofa-Gemeinschaft
'In jedem Dorf eine Couch zum schlafen. Das ist die Idee von Couchsurfing.com. Auch auf dem Sofa von Livia Maag in Stadel ist die Welt regelmässig zu Gast. Von Marc Brupbacher
Stadel. - Das Haus, in welchem Livia Maag, 21, und ihr Vater in Stadel wohnen, ist ab vom Schuss. Direkt vor der Tür liegen grüne Wiesen und dichter Wald. Für junge ausländische Touristen ist diese Gegend ein blinder Fleck auf der Landkarte; wenn sie hier auftauchen, dann nur, weil sie sich auf dem Weg nach Zürich verirrt haben. Dies galt zumindest bis vor zwei Jahren. Seither ist Livia Maag Mitglied bei Couchsurfing und bietet Fremden gratis einen Platz zum Schlafen an (siehe Kasten). Und nun kann man in Stadel immer wieder beobachten, wie Chinesen, Inder, Briten oder Australier ihre schweren Rucksäcke die steile und schmale Strasse zum Haus der Maags hinaufschleppen. Dort geniessen sie für einige Nächte die Schweizer Landidylle. Dann ziehen die Globetrotter weiter zum nächsten Ort, zum nächsten Sofa.
Die internationale Vernetzung von Menschen und Orten ist die Philosophie des webbasierten Gastfreundschaft-Netzwerks. «Couchsurfing ermöglicht einen Einblick in die Kultur eines Landes jenseits von sterilen Hotelzimmern und langweiligen Sightseeing-Touren», so Livia Maag. Die 21-Jährige gibt sich alle Mühe, ihren Gästen einen unvergesslichen Aufenthalt zu bieten.
Wer den Weg von Sydney, Hongkong oder Bombay nach Stadel findet, darf sich auf gemütliche Waldspaziergänge zum Stadler Turm oder Velotouren durchs Unterland freuen. «Besonders begeistert sind die Gäste, wenn ich sie zu meiner Grossmutter mitnehme. Dann kocht sie Lammvoressen mit frischem Gemüse aus dem Garten.» Das Bienenhäuschen vor dem Haus und die Schafe mit ihren Glöckchen, welche die Touristen am Morgen sanft aufwecken, machen die Idylle perfekt. «Die Amis fühlen sich dann in ihrer Vorstellung von der ländlichen Heidi-Schweiz bestätigt», lacht Maag.
Im Zimmer eines Filmproduzenten
Vor ein paar Tagen ist Maag selber von einer neunmonatigen Reise quer durch Asien und Australien zurückgekehrt. Wo immer es möglich war, übernachtete sie irgendwo mit Hilfe des Netzwerks. In Kirgistan war das hoffnungslos: Das ganze Land zählt gerade mal einen Couchsurfer. In Australien ist das Netz an Gastgebern hingegen wieder dicht. Dort ist ihr vor allem ein unvergessliches Erlebnis in Erinnerung geblieben: «Ich habe mich bei einem Fernsehproduzenten für ein paar Nächte in Sydney angemeldet. Dieser hat mir nach nur fünf Minuten Smalltalk den Schlüssel für sein Apartment überreicht, das direkt am Meer lag. Dann ist er für ein paar Tage geschäftlich verreist.»
Eigentlich übernachtet die junge Unterländerin lieber bei Frauen. Denn Männer missverstehen Couchsurfing immer wieder als Kontakt- und Flirtplattform. «Vor allem Inder und Türken wollen oft flirten; sie haben ein bestimmtes Bild von willigen und leicht verfügbaren westlichen Frauen, das sie aus Filmen kennen», so Maag. Bisher sei sie aber noch nie belästigt worden, «es waren immer alle respektvoll und anständig». Für Sicherheit und Vertrauen sorgen die auf der Website von Gästen und Gastgebern verfassten Kommentare, die vor dubiosen Mitgliedern warnen.
Das offizielle, etwas aufgeblähte Motto von Couchsurfing lautet: Mit Gastfreundschaft zu einer besseren Welt. Durch die Vernetzung sollen Toleranz und interkulturelle Beziehungen gefördert werden. Livia Maag sieht es etwas pragmatischer: «Couchsurfing ermöglicht es auch ärmeren Menschen, auf Reisen zu gehen. Für Westeuropäer ist es einfach eine coole Erfahrung. Die Welt wird dadurch nicht besser, aber etwas fairer.»
Besuch zur Street Parade angekündigt
Auf den Geschmack von Couchsurfing ist nun auch ihr Vater gekommen. Herbert Maag, 59, hat bereits seinen ersten Gast empfangen: «Vor ein paar Wochen war ein Amerikaner bei mir. Er war ungefähr in meinem Alter. Gemeinsam fuhren wir mit unseren Motorrädern in den Schwarzwald. Es war grossartig», schwärmt Maag.
Und bereits haben die nächsten Couchsurfer Stadel ins Visier genommen. Schon bald werden sich drei Berliner den steilen Stutz zum Chrüzacher hinaufmühen. Sie kommen wegen der Street Parade. Und selbstverständlich wird Livia Maag die Berliner zum Grossanlass begleiten - wie es sich für eine gute Gastgeberin gehört.
www.couchsurfing.com
200 000 Leute surfen auf Couchs
Couchsurfing ist ein kostenloses, internetbasiertes Netzwerk für die Vermittlung von Schlafplätzen. Die Mitglieder nutzen die Webseite, um kostenlose Unterkunft auf Reisen zu finden, selber Übernachtungsplätze anzubieten oder auf eine andere Art Gastfreundschaft auszutauschen. Das Angebot reicht von der schmutzigen Matratze in Rom bis hin zur möblierten Wohnung samt Schlüssel in Sydney. Andere wiederum bieten «nur» Stadtführungen an oder offerieren einen Schwatz bei Kaffee und Tee. Stark ausgebaut ist das Angebot in den USA, Kanada, Australien, Westeuropa, Brasilien, Indien, Japan und Korea. Der genaue Ablauf des Aufenthalts wie Dauer, Art und Bedingungen wird in Absprache zwischen den Beteiligten im Voraus geklärt.
Geld soll möglichst keines fliessen. Das Netzwerk zählt gegenwärtig über 200 000 Mitglieder. In der Schweiz sind 3132 Personen registriert. (bru)
BILD MARC BRUPBACHER
Livia Maag empfängt bei sich in Stadel Gäste aus der ganzen Welt. Aber auch sie selbst nutzt das Netzwerk von Couchsurfing.com.
Urheberrechte: Tages-Anzeiger
Autor(-in): Brupbacher Marc
