St. Galler Tagblatt, 2009-04-08; Seite 31tg; Nummer

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© St. Galler Tagblatt, 2009-04-08; Seite 31tg; Nummer

Tagblatt, Ausgabe für den Kt. Thurgau

TG-Arbon

Die Welt bei sich auf der Couch

Immer mehr Gleichgesinnte registrieren sich auf dem Netzwerk von couchsurfing.com und bereichern ihre Reiseerlebnisse mit der Innenansicht fremder Wohnzimmer. Einer, der weiss, wie es geht, ist der Arboner Reallehrer Vicente Peiro.


Michel Kolb

In Tourismusprospekten wird sie oft gepriesen, die einzigartige Gastfreundschaft eines Volkes. Griechen, Spanier, Schweizer - alle scheinen sie gerne Besuch zu haben. Es muss sich bei der Gastfreundschaft zweifellos um eine positive Eigenschaft handeln.

Fernab der Werbeprospekte, in der Wirklichkeit, steht es jedoch häufig nicht zum besten mit der Offenheit gegenüber Fremden. Man kann das Misstrauen oder gar die Angst vieler Menschen förmlich spüren, wenn man sie beispielsweise um eine simple Auskunft bittet. Gar nicht zu sprechen von der Bitte um einen Schlafplatz.


Komm auf meine Couch

Genau dies tun aber Tausende Menschen rund um den Globus unentwegt: Sie bitten Fremde um eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit - und diese wird ihnen in aller Regel gewährt. Ihre Anfragen deponieren sie auf www.couchsurfing.com, einem Netzwerk geschaffen zu diesem Zweck. Wie der Name andeutet, wird dabei oft auf dem Sofa oder eben der Couch logiert. Ein sehr aktiver «Surfer» ist Vicente Peiro, 33jähriger Reallehrer in Arbon. «Ich investiere rund 20 Stunden pro Woche in das Portal», sagt er bei sich zu Hause im Umland von Gossau. Neben dem administrativen Aufwand, den er unentgeltlich für das Portal betreibt, beherbergt er auch mehrere hundert Leute im Jahr auf seiner eigenen Couch. Und er schläft auch selbst oft fremd - logischerweise bei anderen «Couchsurfern».


Beitrag zu einer besseren Welt

20 Stunden, das ist viel Freizeit für einen Mann, der gerne kocht, geniesst und teilt. All dies könnte er auch ausleben, ohne so viel Zeit in ein virtuelles Netzwerk zu investieren. Doch man spürt, dass ihn der Grundgedanke, die Idee des offenen Austausches, infiziert hat. Um die Einsparung, welche diese Art des Reisens mit sich bringt jedenfalls, geht es ihm auf keinen Fall. «Natürlich könnte ich nicht so viel reisen, müsste ich immer für die Hotels bezahlen», erzählt er, «doch das Finanzielle sei nur der positive Nebeneffekt.» Es gehe hauptsächlich darum, mit anderen Menschen rund um den Globus in Kontakt zu treten. Deshalb fand er auch das Etikett «Hotel umsonst» verfehlt.


Einer von zwanzig Botschaftern

Die Medien suchen Vicente Peiro häufig auf, um eine Erklärung für das schnell wachsende Phänomen zu erhalten. «Ich war das erste Mitglied östlich von Zürich», sagt er und ergänzt: «Damals vor dreieinhalb Jahren waren in der Schweiz erst rund 80 Leute dabei.» (siehe Kasten).

Der gebürtige Gossauer ist ein «global ambassador», einer von 20 globalen Botschaftern der Gemeinschaft. Er koordiniert die Aktivitäten und beantwortet Fragen von Interessierten oder anderen Freiwilligen Mitarbeitern.


Wie es dazu kam

Der Amerikaner Casey Fenton war es, der 1999 auf die Idee für die Internet-Community kam. Er plante damals ein verlängertes Wochenende in Reykjavik und wollte dieses nicht in der Einsamkeit eines Hotels verbringen. So hackte sich der Computerspezialist kurzerhand in die Webseite der Universität und versandte ein E-Mail mit der Bitte um eine Unterkunft an sämtliche Studierenden. Mit dem Resultat, dass er 1500 positive Antworten bekam. Was ihn und Freunde zwei Jahre später dazu bewog, couchsurfing.com ins Leben zu rufen. Einzig Fenton und eine Handvoll Leute rund um ihn herum lassen sich für ihr Tun ein bescheidenes Gehalt auszahlen.


Auch die Schüler profitieren

Ob Vicente Peiro, genannt «Vince», seine Gäste aus aller Welt denn auch mit in die Schule nimmt? «Ja, das kommt schon vor. Die Schülerinnen und Schüler hören dann mal ein anderes Englisch und meine Besucher erhalten einen Einblick in eine Schweizer Schule», erzählt der Sprachlehrer.

Vicente Peiro selbst geht im übrigen am liebsten in der Provinz auf Sofa-Suche, denn diese Mitglieder erhalten im Gegensatz zu den Städtern kaum Anfragen - aber anderseits seien umso gastfreundlicher.


Vicente Peiro mit Langzeit-Surfer Jason Gastaldo auf der legendären Couch in seinem Wohnzimmer.


Bild: Michel Kolb


Stichwort


Surfer-Service

Eine schnelle Registrierung auf www.couchsurfing.com - und schon kann man weltweit rund 1 Million Mitglieder kontaktieren - oder bei sich zu Hause im Oberthurgau willkommen heissen. Nicht alle angemeldeten Benutzer stellen eine Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung, einige sind selbst unterwegs oder bieten «lediglich» eine Stadtführung an. Doch 15 500 Teilnehmer alleine in der Schweiz zeigen, dass man eher die Qual der Wahl denn keinen Schlafplatz hat. Die Webseite finanziert sich ausschliesslich über Spenden und die freiwillige Verifizierungsgebühr. Geld fliesst auch zwischen Besuchern und Gastgebern keines. (mko)


WÖRTLICH


Noch nie Probleme

Vicente Peiro

Couchsurf-Pionier

Man schaut in die Zeitung und erblickt Terroranschläge und dergleichen - dieses Netzwerk ist ein Gegenpol. Ich hatte nun gut 500 Leute bei mir zu Hause, und bis auf den «Kulturschock», den man hin und wieder erlebt, habe ich nie negative Erfahrungen gemacht.

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