Schweizer Familie, 2009-03-05; Seite 13; Nummer 10
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© Schweizer Familie, 2009-03-05; Seite 13; Nummer 10
Menschen
Die Meldung, die das Leben schrieb
Mit Schoggi um den Erdball
Sein WG-Zimmer ist winzig. Trotzdem hat Patrick Muff immer einen Gratis-Schlafplatz für Reisende
parat. Dank seiner Gastfreundschaft kommt auch er überall auf der Welt umsonst unter.
Als er Anfang dieses Jahres nach Brasilien reiste, hatte er vier Kilogramm Schweizer Schokolade im
Gepäck. Lindt. «Die kommt überall auf der Welt gut an.»
Der Mann muss es wissen. Patrick Muff, 28, ist zwar kein Schokoladenfachmann. Und kein Verkäufer. Er ist Biologe. Und er hat in seiner Diplomarbeit Spinnengemeinschaften auf der Alp erforscht. Doch in der Freizeit hält er es mehr mit Menschen. Er ist Couchsurfer. Er ist Mitglied der gleichnamigen Internetgemeinde, die weltweit fast eine Million Nutzer umfasst. Patrick Muff bietet zu Hause in Bern Gleichgesinnten gratis einen Schlafplatz an. Und er darf als Gegenleistung bei anderen Couchsurfern - zum Preis von ein paar Tafeln Schweizer Schokolade - irgendwo auf der Welt unterkommen. In 231 Ländern und über 54 000 Städten. «Als Couchsurfer erfahre ich mehr über die Kultur und den Alltag der Einheimischen als in den Büchern steht», sagt Patrick Muff. Er sieht nicht nur die Touristenziele und die schönen Fassaden. «Ich erhalte ein reales Bild eines Landes.»
Der Biologe, der im Sommer sein Studium als Gymnasiallehrer abschliesst, lebt zwar bloss in einem kleinen Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Trotzdem hält er immer eine Matratze, Kissen und Schlafsäcke für Couchsurfer bereit. Und er bekommt - vor allem im Sommer und im Herbst - zahlreiche Anfragen. Doch Patrick Muff sagt nur jedes fünfte Mal zu. Er will Zeit haben für seine Gäste. «Ich will nicht nur ein Gratishotel sein», sagt der Aargauer, der seit sieben Jahren in Bern wohnt. «Ich möchte den Besuchern zeigen, wie wir hier in der Schweiz leben.» Er nimmt sie mit auf einen Stadtbummel. Er zeigt ihnen das Bundeshaus und den Bärengraben. Den Rosengarten oder die Universität. Er füllt den Kühlschrank mit Schweizer Spezialitäten - mit Schokolade und mit Käse. Er nimmt seine Gäste abends mit in einen Club oder geht mit ihnen essen. «Das Fondue gehört im Winter dazu.» Und er räumt auch auf mit Vorurteilen. «Alle glauben, Schweizer seien reich», sagt Muff. «Und viele reduzieren unser Land auf Uhren, Schoggi und Käse.» Dass die Schweiz mehr ist als diese Klischees, möchte Patrick Muff seinen Besuchern vor Augen führen. Sie kommen aus den USA und Kanada. Aus Brasilien, China und Malaysia. Aus Deutschland, Italien und England.
Als Gegenleistung für seine Gastfreundschaft darf Patrick Muff auf der ganzen Welt bei Couchsurfern
gratis wohnen. Er war schon in Deutschland und Österreich. Und er war 2007 ein halbes Jahr in Brasilien. Er
hat viel gelernt über fremde Länder und Kulturen. Und auch über sich selbst. Er hat Seelenverwandte
getroffen. «Couchsurfer reisen gern. Sie sind offen, anspruchslos und spontan.» Und er hat sich auch schon
mal verliebt. Letztes Jahres, als die Brasilianerin Carolina, 26, in seiner WG in Bern zu Gast war. Doch die
Liebe war nicht von Dauer. «Wir wollten keine Fernbeziehung haben.»
Patrick Muff ist mit Leib und Seele Couchsurfer. Er möchte nach Südamerika reisen. Nach Afrika und Asien. Und er hat einen Traum. «Ich möchte alle, die ich bewirtet und bei denen ich eine Unterkunft erhalten habe, gemeinsam zu mir nach Bern einladen.» Dafür benötigt der Student, der die Toleranz seiner WG-Kollegen schon mal strapaziert, aber dringend eine eigene Wohnung. Matratzen und Kissen. Und viel Schokolade.
www.couchsurfing.com
Daniel Röthlisberger
