Hotelrevue, 2009-06-25
The CouchSurfing Wiki, an informal workspace which anyone can edit.
© hotelrevue; 25.06.2009; Seite 9
fokus
Backpackers. Buchungsverhalten. Die 16- bis 26-jährigen Reisenden, die bei Backpackers-Pionier Erich Balmer in Interlaken übernachten, buchen nur noch über Internet. Sie sind gut informiert und wissen zu vergleichen.
Gratis Sofas für die Toleranz
Auf Reisen gratis übernachten und dabei Einheimische kennenlernen? Ein spannender Selbstversuch zeigt: Das funktioniert. Melanie Roth
Gebucht hatten wir erst am Vortag. Gleich nach der Ankunft in Arcachon beginnt das gegenseitige Beschnuppern von Gast und Gastgeber. Nach einigen Minuten wird uns klar: Hier fühlen wir uns wohl. Die Unterkunft erscheint uns einfach, aber sehr heimelig. Und kaum haben wir die Rucksäcke abgelegt, heisst es: Ab ins Auto, jetzt gibts eine Stadtrundfahrt. Für drei Tage Übernachten inklusive Frühstück und persönlichem Reiseführer zahlen wir: nichts. «Gebucht» hatten wir nämlich über www.couchsurfing.com. Das Konzept der Online-Community ist simpel: Menschen aus aller Welt schreiben Übernachtungsmöglichkeiten online aus. Über ein Login kann der Couchsurfer mit Gleichgesinnten in Kontakt treten. Hat man Glück, kommt man irgendwo unter: sei es in einem Bett, auf einem Sofa oder ganz einfach auf dem Boden.
Dabei geht es Couchsurfern nicht in erster Linie darum, Geld zu sparen. So zumindest ist es vorgesehen. Vielmehr geht es darum, Menschen aus aller Welt zu vernetzen, das Verständnis zwischen den Kulturen und die Toleranz zu fördern. Kurz: die Welt ein bisschen besser zu machen. Entstanden ist Couchsurfing vor zehn Jahren, als einer der vier Gründer ein billiges Flugticket nach Island ergatterte. Weil das Geld knapp war, schickte er 1500 Mails an Studenten in Reykjavik, um irgendwo gratis unterzukommen. Mit Einheimischen verbrachte er ein unvergessliches Wochenende. Kurz darauf wurde die Non-Profit-Organisation Couchsurfing ins Leben gerufen.
Mittlerweile ist unsere Gastfamilie eines unter einer Million Mitgliedern (siehe Box). Bis zu vierzig Anfragen kamen bei der vierköpfigen Familie zeitweise pro Tag herein. Beherbergen konnte und wollte man verständlicherweise nicht alle. Kein Problem: Als Couchsurfer verpflichtet man sich zu nichts. Trotzdem gibt es Regeln. Natürlich gehört es sich, wenn möglich auch selber eine Unterkunft anzubieten, wenn man von anderen profitiert. Oder dem Gastgeber zum Beispiel mit einem Nachtessen zu danken. Und nicht gerade während des gesamten Aufenthalts mit Abwesenheit zu glänzen.
Neue Menschen und ihre Geschichten kennenlernen, das ist die Motivation unserer Gastfamilie. Offensichtlich, denn befinden wir uns im Haus, wird geredet, gefragt, erzählt, gesungen, getrunken. Drei Tage lang fühlen wir uns als Teil einer Familie, versorgt und sicher.
Die Frage nach der Sicherheit stellt sich wohl jedem neuen Couchsurfer automatisch. Die Statistik mit nahezu 100 Prozent positiven Bewertungen spricht aber für sich. Den Luxus – eigenes Bett, eigenes Bad, verfügbare Velos –, den wir erleben durften, darf aber kaum als Standard angesehen werden. Geradeso gut kann man zusammen mit zehn anderen Reisenden in einer Einzimmerwohnung landen, wie die Erfahrung einer anderen Couchsurferin zeigt.
So oder so ist aber eines garantiert: ein unvergessliches Erlebnis. Und die Begegnung mit offenherzigen Menschen und spannenden Lebensgeschichten.
Fakten
Sofa oder Boden: So kann man gratis übernachten
1199791 Couchsurfer aus 232 Ländern sind aktuell auf www.coachsurfing.com angemeldet, davon 18248 in der Schweiz. Ein ähnliches Konzept verfolgt www.hospitalityclub.com. Auch für Flughafengäste, die kein Geld für die Übernachtung ausgeben wollen, findet sich etwas im Internet. Tipps für einen erholsamen Schlaf auf dem Flughafenboden und Ranglisten der mehr oder weniger gut geeigneten Flughäfen gibts auf www.sleepinginairports.net.
