Aargauer Zeitung / MLZ, 2009-04-14; Seite 2; Nummer
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© Aargauer Zeitung / MLZ, 2009-04-14; Seite 2; Nummer
Thema
Zu Fuss in die französische Sprachschule
Wer erfahren will, wie und ob Couchsurfing funktioniert, riskiert wunde Füsse, erlebt aber auch genug Abenteuer
Robert Benz
Will einer mit dem Auto von Rudolfstetten nach Vichy, legt er rund 530 Kilometer zurück. Kein Problem, dachte ich, zu Fuss kürze ich einfach ab. 22 Tage und 650 Kilometer später rede ich mir ein, als erster Schweizer an eine französische Sprachschule «gegangen» zu sein.
Widerspruch ist zwecklos, das war er schon vor meiner Abreise. «Und vergiss den grossen Löffel nicht»,
höre ich meinen Vater noch sagen, «damit du die Suppe auslöffeln kannst, die du dir eingebrockt hast.»
Bereits nach einer Viertelstunde bin ich überzeugt, dass er recht behalten sollte. Der Mutschellen ›
schneebedeckt und steil wie nie › treibt mir den Schweiss aus den Poren. Bei jedem Schritt rutsche
ich ab, der Rucksack drückt schwer auf Schultern und Beine: Wofür brauche ich noch mal den Knirps? Was
fange ich mit der zweiten Jacke an?
Ich muss verrückt sein, mich und die 18 Kilogramm auf meinem Rücken bis nach Frankreich schleppen
zu wollen, und gewiss fährt das BD-Bähnli nie schneller, als wenn man zu Fuss nach Vichy marschiert.
Voilà. Nicht einen Kilometer marschiert, schon hadere ich ein erstes Mal mit der ungünstigen
Kombination: Ich habe viel Gepäck und wenig Ahnung. Irgendwann bin ich oben, den «Mutschellen
bezwungen». Hadern nützt eh nichts, heute Abend bin ich in Lenzburg mit meinem ersten
Couchsurfing-Host verabredet (siehe Box). Bei Kerzenschein esse ich köstliches Curry und schlafe dann nur
knapp 20 Zentimeter von meinem indischen Gastgeber entfernt.
Tags darauf erwartet mich Joël in seiner grosszügigen Oltner Wohnung, und wir kippen Röteli, während
die Spiegeleier brutzeln. In Solothurn zaubert eine gigantische Herz-Kissen-Couch meinen Schlaf in
kürzester Zeit herbei. Nicht verwunderlich im Grunde, nachdem mich mein Spezi aus der Rekrutenschule
rund 40 Kilometer durchs Mittelland getrieben hat. In Bern erhole ich mich nach der zweiten Königsetappe
bei einem weiteren Freund aus der RS. Wenn ich nur wüsste, welches Bier wir da getrunken haben!
Nach vier Tagen bin ich völlig fertig, ausgelaugt, leer › versucht, den Zug zu nehmen. Im
Nachhinein der richtige Moment, es ist Wochenende und meine Freundin trägt mich über den «Röstigraben»
bis nach Freiburg. «Bonjour», grüsst plötzlich eine Frau mit Hund, und «Bonjour» sagen wir darauf
couragiert zur Frau mit Kinderwagen. «Grüezi mitenand», meint diese nur › doch sie wird die Letzte
sein.
Aufs Sanfteste lassen mich an diesem Abend Carine und Christoph in die französische Sprache gleiten. Und kommen mir die passenden Worte nicht in den Sinn, krallt sich «Rambolino», die wohl verrückteste Katze der Westschweiz, meine geschundenen Wanderer-Füsse. Aufschrei, Christoph kümmert sich um den Angreifer und Carine kommentiert amüsiert.
Schliesslich eine letzte Couch in Yverdon, indianischer Schwarztee, trockener Cidre und weise Worte inklusive: «Wer überlegt, wie er etwas sagen will, der redet nicht ehrlich.» Natürlich sagt meine Couchsurferin das nicht, ich verstehe nur so. Selbst spreche ich in drei Wochen Gehen einfach und wenig und ich muss einsehen, dass es in Ostfrankreich praktisch unmöglich ist, in kurzer Frist eine Couch zu finden. Nach Yverdon ist Schluss mit «Surfen».
Bereits in Payerne bin ich um sechs Uhr abends noch auf der Strasse gestanden, uneinsichtig. Ich nehme
kein teures Hotelzimmer! Und es dämmert bereits, als ich mich endlich überwinden kann, einen Bauern beim
Melken zu stören: Nachdem ich ihm meine Geschichte erzählt habe, bietet er mir das Zimmer seines
Sohnes an. Ich lehne umständlich dankend ab und verkrieche mich im Stall. Auf vier
aneinandergeschobenen Strohballen lerne ich «Nevada» kennen, die einzige Milchkuh im Stall mit Hörnern,
die es zudem schaurig interessiert, welch ulkige Gestalt sich da neben sie gesellt. Mich friert.
Ende Februar ist es kalt an der französischen Grenze, verdammt kalt sogar. Zweimal muss ich ein
Hotelzimmer nehmen, ich will nichts riskieren. Noch steht der Plan, noch kann ich zu Fuss ankommen! Bei
jeder Gelegenheit reibe ich meine geschwollene Achillessehne mit kühlendem Wallwurz-Perskindol ein,
nehme gar eine Schmerztablette wider Willen. Passend dazu schneit es zwei Tage, dann grau.
Die französischen Landstrassen erweisen sich als grosse, von Lastwagen befahrbare Wanderwege. Praktisch unbenutzt schlängeln sie sich durch ausgedehnte Felder und dichte, nicht enden wollende Wälder. Zeit eigentlich für Poesie, die Farbeneinfalt zu beschreiben. Doch ich gehe weiter ohne Vogelgezwitscher, ohne Verkehr, ohne Poesie. Von Zeit zu Zeit singe ich aus voller Kehle «Oh yeah yeah, Coco Jambo», weshalb ich den Jogger nicht höre. Ich falle beinahe in Ohnmacht, als er mir sein «Bonjour» viel zu laut ins Ohr keucht; im Strassengraben sammle ich mich. Der Jogger dreht sich um und winkt. «Le choc de ma vie», rufe ich ihm nach, die Hände noch immer auf die Knie gestützt. Dann gehe ich weiter.
Wohl zu weit: Zwölf Kilometer vor Lons-le-Saunier sehe ich keinen Bauernhof, kein Hotel, einen
Couchsurfer habe ich gar nicht erst angefragt. Die Kirchentür ist verriegelt, und den stechenden Schmerz in
meinem rechten Knie bilde ich mir nicht nur ein › der ist brutal real. Also esse ich erst mal einen Apfel
im vermeintlich gottverlassenen Bushäuschen von Vevy, als Agnès vorfährt, um für die Pfarrei ein Plakat
anzubringen. Zehn Minuten später kehrt sie zurück,
Jacques und Agnès Aubert haben beschlossen, mich
bei ihnen im Kinderzimmer einzuquartieren. Es gibt Käse und Kuchen, und Jacques hat Geburtstag! Er
kriegt einen Schweizer Händedruck, später eine Postkarte und jetzt diese Zeilen hier.
Durch ihre Gastfreundlichkeit in meinem Vorhaben bestärkt, steige ich vom Couch- aufs Garagensurfing
um. Einmal noch habe ich unheimlich Glück, als ich nach einem denkwürdigen Sonnenuntergang in einem
geheizten Zimmer nächtigen darf. Mitten in der Weissweinregion nahe Chardonnay stosse ich mit dem
Gemeindeammann von Plottes darauf an, dass ich umsonst im kommunalen Festsaal schlafe.
In Jalogny stellt mir eine Bauernfamilie ihre Sommerküche zur Verfügung und lädt mich zum Abendessen
ein; ob jetzt acht oder neun Leute um den Tisch sitzen, komme nicht darauf an. Bis mich am Freitag, dem
13. März, in Matour ein älterer Metzger in seinem Wohnwagen unterbringt und für die ganze Familie samt
«Ausserirdischem» Waffeln zubereitet, läuft alles glatt.
Dann finde ich für einmal nichts. Einzig ein Bauer reicht mir eine dicke Decke, eine, die sonst seinen
Traktor vor Frost bewahrt. Er weist mir eine Ecke unter dem Vordach, und ich mummle mich ein, so gut das
geht. Um drei Uhr morgens halte ich es nicht mehr aus, stehe auf, esse, was ich aufgespart habe und gehe
weiter, immer weiter.
Nie war ich so froh, in einer Stadt anzukommen, wie am nächsten Abend in Vichy. Meine Gastmutter
muss das geahnt haben, denn sie hatte die vielleicht beste Suppe meines Lebens gekocht; ich löffelte sie
aus.
Der «Schulweg»
Distanz: 650 km
Dauer: 22 Tage
Laufzeit: 150 Stunden
Landkarten: 8
Schokoladenverbrauch: 1,8 kg
Couchsurfing - ein weltweites Netzwerk
Über eine Million Menschen aus 232 Ländern haben sich bereits auf Couchsurfing.com registriert und ein persönliches Profil erstellt. Couchsurfer bieten sich untereinander ein Bett, eine Matratze oder eine Couch zum «Surfen» respektive Übernachten an. Wenn sich potenzielle Gäste und Gastgeber übers Netz gut verstehen, vereinbaren sie in groben Zügen Datum und Ablauf des Aufenthalts, und einem interessanten Treffen steht nichts mehr im Wege. Wohlverstanden: Couchsurfing ist weder eine Partnerbörse noch ein Selbstbedienungshotel, sondern weltweiter Kulturaustausch zwischen ehrlichen und offenen Menschen.
«Vergiss den grossen Löffel nicht › um die Suppe auszulöffeln,
die du dir eingebrockt hast»
Ich muss einsehen, dass es in Ostfrankreich unmöglich ist, in kurzer Zeit eine Couch zu finden
Praktisch unbenutzt schlängeln sich die Landstrassen durch ausgedehnte Felder und dichte Wälder
